Feuchtigkeit schmilzt. Hitze löst auf.
In der klassischen Kantonesischen Küche eröffnet lo foh tong („Suppe vom alten Feuer“) – eine über lange Zeit gekochte Suppe, die im südlichen China und Südostasien weit verbreitet ist – einen sinnlichen Zugang zur Tropikalität des asiatischen Südens. Im Topf löst die langsam kreisende Konvektion auf sanfte Weise Gelatine, Fett, aromatische Öle und Alkaloide aus Fleisch, Knochen, getrockneter Mandarinenschale, Angelikawurzel sowie anderen Kräutern und Meeresfrüchten. Schicht für Schicht verbinden sich Texturen und Aromen zu einer seidigen, leicht klebrigen Brühe.
En miniature erinnert dieser brodelnde Topf an die Handelsrouten und atmosphärischen Kreisläufe, die den Süd-, Südost- und Ostasien miteinander verbinden. Ausgelöst durch den Temperaturunterschied zwischen der asiatischen Landmasse und dem sie umgebenden Indischen Ozean, dem Südchinesischem Meer und dem Pazifischen Ozean, gringt der jahreszeitlich bedingte Monsun Wind, Regen und Hitze über die Region und lässt Aromen, Kulturen, Glaubenssysteme und körperliche Erfahrungen zu einer schwülen, suppigen Mixtur verschmelzen, die wir Tropen nennen.
Im Geiste von lo foh tong und dieser tropischen Durchdringung von Körpern und Landschaft, von Schöpfung und Katastrophe, spekuliert Kent Chan über eine techno-animistische Zukunft auf der nächsten Stufe der Klimakrise – eine Zukunft, in der Orientierungslosigkeit und Verwirrung allgegenwärtig sind, Hitze und Kühle nebeneinander bestehen, Kontrolle und Chaos sich überschneiden und Datenwolken und KI-Systeme von himmlischen Göttern besessen sind, die seltsamerweise noch immer von irdischen Elementen wie Mineralien und Wasser abhängig sind.
In den fiktiven globalen Tropen aus Kent Chans Video Weather Casting geht es in einer Reihe von fiktiven Wetterberichten von Yogyakarta über Chiang Rai, Yunnan, Shanghai, Beijing, das Changbai-Gebirge, die Provinz Nord Hamgyong bis nach Seoul. Kent Chan führt ein System der Wettervorhersage ein, das regional wünschenswerte meteorologische Bedingungen produziert – – in Erinnerung an „die guten alten Zeiten“ und frei von klimatischen Widrigkeiten. Diese Geoengineering-Systeme Tragen die Namen politischer Kultfiguren und regionaler Gottheiten, darunter Dewi Sri, Longmu, Sungke Enduri, Phaya Naga und Aoma. Sie streiten über Territorien, verhandeln den Umfang ihrer Zuständigkeiten, erinnern sich an einstige Ruhmestaten und zeigen sich angesichts ihrer Rollen als Gottheiten und Werkzeuge gleichermaßen konsterniert.
Casting wird hier als bewusster Akt des Gestaltens verstanden. Es steht im Einklang mit der Logik der Moderne, das heißt, zu managen, zu kontrollieren und zu intervenieren. Doch während Hitzewellen aus den Tropen um den gesamten Erdball ziehen, liegt vielleicht bereits eine andere Strategie in der Luft – eine, die erhitzter, schwüler, humorvoller und bescheidener ist. Schließlich sind die Tropen ein Ort, an dem Kategorisierungen nicht mehr greifen. Hier werden Gottheiten nicht nach geografischen oder politischen Grenzlinien getrennt, sondern bilden ein amorphes Ganzes. Wie die Aromen, die sich in die Brühe auflösen, so sind die Naga des Mekong und der Drachenkönig des Perlflusses Varianten einer einzigen Ahnenform oderv ein und derselben ursprünglichen Gestalt, die wie der Monsunregen und die Monsoonwinde entlang derselben Routen getragen und immer wieder neu gestaltet wurden.
Mit seiner spekulativen Klimamythologie regt Kent Chan an, die Vorhersage als Methode einzusetzen, um die auf Produktivität ausgerichteten Logik der kapitalistischen Moderne aufzulösen – der Überzeugung, dass alles Erdenkliche produziert werden kann und sollte. Vorhersagen, wie Chan es in seiner Lecture-Performance Casting Weather (2026) formuliert, heißt „das Brechen von Bambus, die Richtung, in der die Blätter fallen, das Auftreten von Insektenarten“ zu lesen, um ein Gespür dafür zu bekommen, wann „Regen-, Dürre- und Schädlingszyklen“ auf uns zukommen. In diesem Sinn produzieren Vorhersagen nicht, sie sollen spüren und beobachten; sie sollen nach vorn blicken, indem sie im Hier und Jetzt verankert bleiben.
Hitze und Luftfeuchtigkeit öffnen Poren, lassen Grenzlinien unscharf werden, lassen Mikroben und Pilze gedeihen, vernebeln den Geist, lösen Grenzen und Kontrolle auf. Das sind die Strategien der Tropen.
Kent Chans klima-kulturelles Denken der Tropen differenziert im doppelten Sinn: Es pocht auf Komplexität und löst sich von der geoökonomischen Vorstellung des sogenannten Globalen Südens. Er bietet keine eindeutige Antwort auf die Katastrophe des Spätkapitalismus und die die von ihm hervorgebrachte globale Erwärmung. Stattdessen sind die Tropen ein Topf köchelnder, klebriger Fragen. Anstatt tiefgründig nach Antworten zu graben, nimmt Kent Chan Verwirrung und Mehrdeutigkeit an. In Weather Casting ist es beispielsweise schwer festzustellen, ob die 360-Grad-Kamerafahrt einen Versuch darstellt, die Atmosphäre mit dem Boden zu verknüpfen, oder unseren Drang nach Rundumsicht kommentieren – eine Obsession, die letztlich die komplexen Schichten menschlicher Erkenntnis von der Meteorologie und Agrarwissenschaft bis zu Religion und Naturwissenschaft verflachen. Ebenso bleibt offen, ob die sprechenden Gottheiten auf eine vergessene mystische Macht hindeuten oder auf die unbeabsichtigte Übernahme der Sprache des Gamings. Vielleicht geht es genau um diese Verwirrung. Denn um fragen zu können, wie Vorhersagen im Präteritum und Futur formuliert werden, muss man sich zunächst darauf einlassen, hier und dort, oben und unten, jung und alt, feucht und trocken zu sein – und das alles gleichzetig.
Text: Qu Chang