Künstlerhaus Bethanien

Sweet Sweet Sun

Gili Avissar

Eröffnung

15.01.2026

19 Uhr

Ausstellung

16.01.2026 –

01.03.2026

Mi–So: 14–19 Uhr

Eintritt frei

© Gili Avissar

Nur einen kurzen Spaziergang vom Künstlerhaus Bethanien entfernt entfalten sich allabendlich im Wäldchen des Volksparks Hasenheide Praktiken des Cruisings, die erstaunlich viel gemeinsam haben mit den Ritualen einer Künstler*in, der/die zwischen internationalen Residencies pendelt. Jede Annäherung – sei es an das Objekt der Begierde oder, nüchterner gesagt, an eine Galerie – beinhaltet ein Zögern, ein prüfendes Innehalten. In beiden Fällen wägen die Beteiligten die Vor- und Nachteile eines Commitments ab, im Wissen, dass jede Bindung nur vorübergehend ist.

Der Cruiser etwa muss entscheiden, ob jeder Fremde, den er halb verdeckt vom Blattwerk erspäht, es wert ist, herangelockt zu werden. Zu bereitwillig einen einladenden Blick zu senden, birgt das Risiko, vom Gegenüber grob zurückgewiesen zu werden – vielleicht in Erwartung eines späteren, besseren Angebots. Nicht übereinstimmende Hoffnungen erzeugen Frustration, und diese lässt die ästhetischen Entscheidungen des Cruisers sprunghaft werden. Auch der Sex kann, wenn – und falls – er schließlich stattfindet, enttäuschend sein und damit letztlich nur das Begehren beider Männer bis zum nächsten Abend schwächen.

Auch der Kunstschaffende, der sein Atelier vorübergehend in einer der Kunstmetropolen der Welt einrichten möchte, folgt einer Strategie des Glücksspiels. Zwar scheint es zahlreiche geeignete Möglichkeiten zu geben – das Netzwerk internationaler Residencies ist so dicht wie ein Wald – doch der Aufwand, den eine erfolgreiche Bewerbung, die Beschaffung von Fördermitteln und das Verstauen eines ganzen Lebens in wenigen Taschen erfordert, hat seinen Preis. Selbst wenn der Kunstschaffende Glück hat, ist nicht sicher, ob sich sein Einsatz in Form von kritischer Aufmerksamkeit auszahlt, da er mit vielen anderen – oft ebenfalls nur temporär anwesenden – Positionen konkurriert. Die Residency kann ihn dazu anregen, Arbeiten zu entwickeln, die gerade an diesem Ort sinnvoller sind als anderswo – oder auch nicht. Sicher ist jedoch, dass sie, ähnlich wie der Park für den Cruiser, den Impuls verstärkt, schon wenige Monate später nach dem nächsten Ort in einer anderen Stadt zu suchen.

Diese Spiele von Anziehung, Täuschung und Kompromiss bilden einen zentralen Referenzrahmen für die künstlerische Praxis von Gili Avissar. Seine temporären Ateliers, bei der Ankunft nur spärlich ausgestattet, entwickeln sich rasch zu komplexen räumlichen Gefügen. Aus Stoffresten und textilen Fragmenten entstehen szenografische Arrangements, in denen der Künstler zugleich Akteur und Beobachter ist. Produktion, Inszenierung und performative Erprobung greifen dabei ineinander.

In der Ausstellung entfalten Gili Avissars textile Installationen eine unmittelbare visuelle Anziehung. Sie beschwören eine unschuldige Fantasie herauf, deren heitere Farb-Kakophonie auch in einer komödiantischen Pantomime nicht fehl am Platz wäre. Farbige, patchworkartige Stoffflächen und hängende Kulissen strukturieren den Raum und erinnern an Tarnmuster, Bühnenbilder oder Verkleidungen. Sie laden die Besucher*innen in ein sorgfältig inszeniertes Spiel aus Sichtbarkeit und Verbergen, Hingabe und Illusion ein.

Wer diese Szene beobachtet, erkennt, dass die Draperien nicht bloß unschuldiges Gebüsch eines Märchenwalds sind. Jede von ihnen dient zugleich als Kostüm für Gili Avissar. Masken, Puppen und Stoffsäcke verschaffen dem Künstler die perfekte Position, sein Publikum zu beobachten, bevor er es in die Beute seiner Verführung verwandelt. Eine dieser Kreationen verwandelt ihn in den lüsternen Mann, der hinter einem Baumstumpf lauert; eine andere – als ob es einen Unterschied gäbe – in die Schlange im Garten Eden. Die höchste Doppelbödigkeit besteht darin, dass er in all diesen Rollen stets Künstler bleibt.

Gili Avissar verwandelt den Ausstellungsraum in eine unheimliche Kostümparty, während er eine Verkleidung nach der anderen annimmt. Gleichzeitig nutzt er vorbehaltlos die plausible Leugnung, die ihm der Kunstraum bietet. Der Mann, der in der Öffentlichkeit die sexuelle Aufmerksamkeit anderer sucht, könnte ebenso seinen Vorsatz abstreiten, wenn er darauf angesprochen wird. „Ich spaziere nur, Herr Polizist“ ist dabei nur einen Schritt entfernt von „Dies ist lediglich eine Kunstperformance.“ In seinen Stoffen eingehüllt, verbirgt Gili Avissar also seine wahren Absichten. Dies könnte seine Zurückhaltung sein – oder einfach nur seine Praxis.

Text: Pierre d‘Alancaisez

Ausstellungsdokumentation

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