Künstlerhaus Bethanien

Skinny Cat

Malthe Møhr

Eröffnung

15.01.2026

19 Uhr

Ausstellung

16.01.2026 –

01.03.2026

Mi–So: 14–19 Uhr

Eintritt frei

© Malthe Møhr

In Malthe Møhrs Video Sja Mægre ist Erinnerung (im) Körper und in den Rhythmus eines gleichmäßigen Beats eingeschrieben. Als filmisches Metronom, das unsichtbar bleibt, gibt dieser Beat – dumpf und doch präzise – das Tempo der dialektischen Erzählweise des Künstlers vor: zwei Projektionen/Videos zeigen unterschiedliche Aspekte derselben Geschichte. Für die filmischen Figuren bestimmt er, wie sich Erfahrung in Erinnerung verwandelt, für ihre Körper fungiert er als akustisches Muster, das Erinnerung durch verkörperte – und sogar geteilte – Zustände ermöglicht. Immer wieder schwingt in ihm ein nervenaufreibender Unterton, eine Art psychischer Herzschlag. Er manifestiert sich im Zucken eines Athleten, in der choreografierten Gewalt eines ehemaligen Soldaten, in geübten Fingern auf einer Gitarre. Der Takt diktiert diese Logiken und versetzt die Zuschauenden zugleich in einen meditativen Zustand der Kontemplation: trainierende Körper betrachten trainierte Körper. Tempo, so zeigt Møhr mit verführerischer Leichtigkeit, ist nicht nur ein kognitives Instrument, sondern auch ein Mittel, Form zu gestalten – sowohl des bewegten Bildes als auch des verkörperten Wissens.

Sja Mægre, die Zweikanal-Videoarbeit im Zentrum der Ausstellung Skinny Cat, ist in ihrer Zielsetzung illusorisch. Der kryptische Titel leitet sich von der dänischen Lautumschrift des französischen Begriffs „chat maigre“ ab. Ein Video/eine Projektion zeigt atmosphärische Aufnahmen von Fechter*innen, die in einer olympischen Arena gegeneinander antreten, umgeben von Absperrungen und Sicherheitsbarrieren, überwacht von Schiedsrichter*innen. Das Bild wechselt zu einem improvisierten Porträt von Gérard, einem ehemaligen Legionär der Französischen Fremdenlegion, der in einem Park trainiert. Während Gérard sein diszipliniertes Trainingsprogramm vorführt, beginnt er, sich an seine Zeit in dieser Eliteeinheit der französischen Armee zu erinnern, einem von Mythen umwobenen Korps, bekannt für strenge Disziplin, starken Zusammenhalt und weltweite Einsätze mit hochentwickelten Kriegsformen. Rekruten durchlaufen ein intensives körperliches Training und nehmen häufig neue Identitäten an (tatsächlich ist Gérard nicht sein erster oder ursprünglicher Name). Legionär zu werden, erklärt Gérard, bedeutet nicht nur einen neuen Körper, sondern auch eine neue Identität anzunehmen – eine, die sich im Verlauf der Karriere wandelt. „Ich bin nicht mehr derselbe …“, sinniert er mit Blick auf sein fortschreitendes Alter. „Ich habe nicht mehr denselben Geist und denselben Körper.“ Doch durch beständiges körperliches Training lässt sich die Kontinuität zwischen diesen Körpern über die Zeit hinweg erfassen – selbst dann oder gerade dann, wenn seine militärische Laufbahn beendet ist und nur noch Erinnerungen bleiben.

Im parallel gezeigten Video sieht man schwere Maschinen, die in einer verschneiten Landschaft den Boden ebnen. In zahlreichen Sprachen berichtet die Erzählstimme von der Geschichte eines Freundes, der Videos eines sonnigen Gartens verschickt. Die Kamera verfolgt das Schicksal einer schwarzen Katze, die auf einem T-Shirt abgebildet ist. In einem akustisch verzerrtes Interview berichtet jemand von einem toten Vater, vom Rückzug ins Online-Gaming und von einer Essstörung. Gleichzeitig laden mehrere junge Männer unabhängig voneinander Videos hoch, in denen sie dieselbe Coverversion von Guts’ Theme spielen, ursprünglich komponiert von dem japanischen Musiker Susumu Hirasawa für die animierte Adaption des Manga Berserk (1997). Die Coveraufnahmen sind so arrangiert und editiert, dass die Spieler synchron erscheinen, das heist synchronisiert zum kontinuierlich über allem liegenden Beat.

Malthe Møhr präsentiert diesen Beat als eindringliche soziale Metapher: als strukturierende Kraft von Affekt, Trauma und Empathie. Wie die wissenschaftliche Zeit durchschneidet Synchronisation Raum und Distanz, Medien und Ideologien, Erfahrungen des Selbst – sogar, und gerade, wie der Film nahelegt, Erfahrungen von Einsamkeit. Denn der Beat von Sja Mægre scheint im Körper Gérards zur Ruhe zu kommen: Zeit ist zugleich im Körper und der Körper selbst. Der Beat ist reine Wiederholung, die für Freud als psychische Zwangshandlung, eine Technik des Traumas verstand. Gleichzeitig zieht er sich als akustischer Hintergrund durch die gesamte Ausstellung, die auch eine Serie von Tuschezeichnungen mit Darstellungen des Comic-Helden The Phantom umfasst, entnommen aus der umfangreichen Sammlung Malthe Møhrs. Erstmals 1936 in US-amerikanischen Zeitungen veröffentlicht, erschien The Phantom seither in über 500 Zeitungen, in 40 Sprachen übersetzt, mit einer geschätzten täglichen Leserschaft von 60 Millionen. Als weit verbreitete Darstellung eines Verbrechensbekämpfers nähert sich The Phantom einem popkulturell universellen Mythos von Männlichkeit. Sein Versteck liegt bekanntermaßen in einer Höhle, wo er einsam auf eine Welt wartet, die gerettet werden muss. Er lässt sich als nostalgische mediale Erinnerung verstehen, als Form eines generationsübergreifenden Unbewussten, als Schablone oder als buchstäbliches Phantom: ein Geist, der die versammelten Körper in Skinny Cat heimsucht.

Für die feministisch-psychoanalytische Tradition sind Malthe Møhrs verflochtene Überlegungen zu Erinnerung, zum körperlichen Status von Trauma und zum kulturellen Status des Körpers, nicht neu. Sie jedoch innerhalb von Räumen archetypischer Hypermaskulinität – bei Athleten, Soldaten, Superheldencomics – zu verorten wirkt unaufgeregt aufschlussreich. Denn Männer, insbesondere heterosexuelle weiße Männer, bleiben häufig das zentrale „Problemobjekt“ feministischer Kritik und werden selten mit der affektiven Komplexität bedacht, die anderen Subjektpositionen zugestanden wird.

Dies gilt besonders angesichts des aktuellen Wiedererstarkens rechtsextremer Ideologien, an die Symbole hypermaskuliner Ideale gekoppelt sind, wobei Männlichkeit vielen als Bedrohung erscheint – als verkörperte Aversion. Doch selbst wenn zeitgenössische Männlichkeit tatsächlich toxisch ist, ist sie nicht beliebig: sie folgt einem Rhythmus, sie bewegt sich zu einem Beat. Sie trägt Wissens und Geschichten in sich, verortet in Körpern. Als Körper kann – und muss – sie entschlüsselt werden: übersetzt, neu gelesen, umgeschrieben. Denn genau hier beginnen Fürsorge und Empathie.

Text: Jeppe Ugelvig

Ausstellungsdokumentation

© Thomas Rusch

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