Ausgangspunkt dieser Ausgabe ist eine VHS-Kassette aus dem IMAI-Archiv, auf der sich drei Mitte der 1980er-Jahre entstandene Videoarbeiten befinden. Die Kassette war lediglich mit „Touristinnen“ beschriftet, sodass zunächst nicht erkennbar war, dass es sich um Werke von drei verschiedenen Künstlerinnen handelt. Intensive Nachforschungen ergaben, dass die Arbeiten von Claudia Richarz, Nina Rippel und Ulrike Zimmermann stammen. Alle drei lebten in den 1980er-Jahren in Hamburg, waren Teil der damals sehr aktiven queer-feministischen Videoszene und unterstützten sich gegenseitig bei ihren Projekten.
Gästinnen: Claudia Richarz, Nina Rippel, Ulrike Zimmermann
Filmprogramm mit englischen Untertiteln
Gespräch in deutscher Sprache
PROGRAMM
Nina Rippel, Drei Unterwasserstücke mit Cello, 1985, 16 mm (digitalisiert), 6 Min., Ton
Nina Rippel, Unter Horizont, 1988, 16 mm (digitalisiert), 9 Min., Ton
Claudia Richarz, Endlich eine Prinzessin, 1985, 16 mm (digitalisiert), 2 Min., Ton
Claudia Richarz, Ich wandle unter Blumen, 1985, 16 mm (digitalisiert), 3 Min., Ton
Claudia Richarz, Staubsaugen, 1985, 16 mm (digitalisiert), 6 Min., Ton
Claudia Richarz, Das Nummerngirl, 1989, 16 mm (digitalisiert), 1 Min., ohne Ton
Ulrike Zimmermann, Touristinnen – Über und unter Wasser, 1986, U-Matic (digitalisiert), 22 Min., Ton
Ulrike Zimmermann, Venus 220 Volt – Lust im Haushalt, 1991, 16 mm (digitalisiert), 10 Min., Ton, (Co-production Pipilotti Rist)
Claudia Richarz (*1955 in Troisdorf, lebt in Eckernförde) ist Experimental- und Dokumentarfilmerin. Sie studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, unter anderen bei Helke Sander. 1979 war Richarz Mitbegründerin von bildwechsel, Kultur- und Medienzentrum für Frauen. Etliche ihrer Filme wurden ausgezeichnet, darunter 2000 die Dokumentarserie Abnehmen in Essen mit dem Grimme Preis oder 2023 Helke Sander: Aufräumen mit dem Publikumspreis beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln.
Nina Rippel (lebt in Hamburg) ist Experimental- und Dokumentarfilmerin. Sie studierte Kunstpädagogik und Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. 1980 gründete sie dort das Dokumentarfilmemacher*innen-Kollektiv die thede. Sie arbeitete als Kunstpädagogin an verschiedenen Gymnasien und lehrte als Dozentin für Medien an der Fachhochschule in Frankfurt a. M. und an der Leuphana Universität Lüneburg. In ihren Filmen beschäftigt sie sich mit Wahrnehmung und der leiblichen Dimension von Film. Ihre Themen reichen vom Filmen unter Wasser bis zu der Welterfahrung von Menschen mit Sehbeeinträchtigungen.
Ulrike Zimmermann (*1969 in Hamburg, lebt in Berlin) ist Filmemacherin und Produzentin crossmedialer Online-Formate. Sie studierte Film an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. 1989 gründete sie die Produktionsfirma MMM Film, mit der sie zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme für das internationale Kino produzierte. Seit Jahrzehnten kreisen ihre Arbeiten um die Frage nach der Zukunft der Visualisierung der Sexualität. 2014 nahm sie mit dem Film Vulva 3.0 an der 64. Berlinale teil.
Kollaborative Assemblagen ist eine vierteilige Reihe von Filmabenden mit Experimentalfilmen, die unterschiedlichen Facetten feministischer, kollaborativer Arbeitsweisen in den 1970er und 1980er Jahren nachspürt – Arbeitsweisen, die existenziell für die im Experimentalfilm tätigen Frauen* waren. Die Episoden widmen sich den Experimentalfilmszenen in den Städten Wien, Hamburg und Berlin. Kollaborative Assemblagen richtet den Fokus auf Gefüge von Praktiken, die es Frauen* ermöglichten, selbstbewusster, versierter und – was besonders wichtig ist – in immer größerer Anzahl in den Experimentalfilmszenen der 1980er Jahre aufzutreten. Es geht um verschiedene Initiativen, Zusammenschlüsse, offizielle wie inoffizielle Gruppen. Der Austausch von Wissen über Technik, filmische Methoden und ästhetische Formen sowie der Zugang zur Technik waren essenzielle Anliegen. Es ging aber auch darum, sich gegenseitig zu motivieren und beim Filmen zu helfen. Die Initiativen boten zudem eine Bühne für (queer)feministischen Aktivismus und selbstbestimmte Kulturproduktion.
Diese oft freundschaftlich geprägten kollaborativen Assemblagen nahmen keine einheitliche Form an und bewegten sich zwischen spontanen Zusammenschlüssen und stärker organisierten Strukturen. Beispielsweise traten sie als selbst gemachte Bedienungsanleitungen für die Benutzung einer bestimmten Kamera, als gemeinschaftliche Nutzung von Equipment, als unterstützendes Gespräch, als gemeinsames Filmprojekt oder als Filmwerkstatt in Erscheinung. In ihren vielfältigen Formen hatten sie die Wirkung, den Experimentalfilmbereich zu dekonstruieren und neue Aktivitätsräume für Frauen* zu erschließen. Die einzelnen Assemblagen hatten unterschiedliche Lebensdauern und nur wenige haben ihre eigenen Aktivitäten dokumentiert. Meist sind sie nur mündlich durch Zeitzeug*innen überliefert, was auf die Fragilität dieses Wissens hindeutet.
In vier Filmabenden wird eine Auswahl von Experimentalfilmen und -videos präsentiert, die innerhalb solcher kollaborativen Assemblagen entstanden sind. Die Beispiele stammen aus Wien, Hamburg und Berlin. Jeder Abend ist einer Stadt gewidmet und wird von Diskussionen mit den Filmemacher*innen begleitet.
Die Reihe ist eine Kooperation zwischen dem Künstlerhaus Bethanien und attaque[e]r le visible und wird von Lawinia Rate kuratiert.
Das Projekt wird gefördert durch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg.