Beim Betreten von Andreas Brunners Ausstellung Substitute for a Sunset fällt der Blick auf eine ehemalige Leuchtreklame, hoch montiert, ihres ursprünglichen Inhalts vollständig entledigt. Transparentes Paneel, blankes Aluminium, freigelegte Elektronik. Ein kalter Lichtkreis leuchtet gleichmäßig, ohne Bild, ohne Text, ohne Adresse. Was sonst Aufmerksamkeit bindet und Bedeutung verspricht, wirkt hier wie ein reiner Apparat. Technik erscheint nicht mehr als Mittel zum Zweck, sondern als sichtbare Infrastruktur. Das Licht funktioniert weiter, obwohl sein Inhalt verschwunden ist. Der Kreis formt ein in sich geschlossenes System: intensiv, dauerhaft, selbstbezüglich. Er lässt an das Versprechen der Moderne denken – an Fortschritt, Orientierung und Sinnstiftung –, aber auch an eine Ordnung, die sich nur noch selbst erhält. Als Feedbackloop verweist das Licht auf Systeme, die weiterlaufen, auch wenn ihr Ziel verloren gegangen ist. Der Kreis evoziert zugleich den Ouroboros – Sinnbild einer sich selbst verschlingenden Schlange, Figur endloser Wiederkehr – und einen Horizont, der Hoffnung suggeriert, ohne sie einzulösen.
Im Raum verteilt stehen schwarze Skulpturen. Vertikal gestreckte Formen, hervorgegangen aus Schatten zufälliger Trümmerhaufen. Ihre Oberflächen wirken glatt, reduziert, industriell, doch ihre Herkunft liegt im Zerfall. Sie machen sichtbar, was modernes Design oft verdeckt: die Ruinen der Vergangenheit, das Ausgeschlossene und Verdrängte. Diese Körper sind keine romantischen Ruinen, sondern abstrahierte Relikte. Sie scheinen aus einem Chaos herausgelöst, das weiterhin unter der Oberfläche wirksam bleibt – Natur, Organisches, Entropie. Die Aluminiumstreben, die sie stützen, unterlaufen jede Vorstellung von Autonomie. Ordnung zeigt sich hier als fragile Konstruktion, die gehalten, stabilisiert und künstlich aufgerichtet werden muss. Form follows dysfunction.
Ein brennender Horizont lenkt den Blick entlang einer glühenden Linie über den LED-Monitor an der Wand. Die Bewegung des Feuers diktiert das Sehen, zwingt zur Nähe und zur Dauer des Betrachtens. Erst am Ende offenbart sich das Gezeigte als Zigarette der Marke Hope. Das Video läuft rückwärts und beginnt von vorn. Hoffnung erscheint hier als Schleife, als permanente Wiederholung ohne Ankunft. Sie hält aufrecht, was erschöpft ist. Wie Sisyphus erzeugt der Loop Bewegung ohne Fortschritt. Die Zigarette wird zum Sinnbild eines kapitalistischen Versprechens: kurzfristige Linderung, einfacher Verbrauch, kontrollierte Selbstberuhigung. Hoffnung wird nicht negiert, sondern funktionalisiert. Einatmen, Ausatmen. Schöpfen, Erschöpfen. Der Kreislauf des Konsums – bis zur Selbstzerstörung.
Aus den Wänden ragen Zinnfüße, grob verschraubt. Krallenartige Fragmente, als wären sie im Moment des Aufschlags erstarrt. Sie erinnern an Vogelfüsse, Schlangenhaut, mythisches Hybridwesen. Natürliches und Artifizielles verschränken sich, doch die Bewegung ist gestoppt. Es wirkt, als könnte Es gleich durchbrechen, das Unheimliche hervortreten – eine Chimäre, ein Basilisk, ein Mischwesen aus Hahn und Schlange, dessen Blick das Andere versteinert. Crash Landing markiert den Punkt, an dem die Moderne selbst aufschlägt: Die menschliche Evolution als technisches Wesen trifft auf ihre Grenze. Das Organische kehrt zurück, nicht als Idylle, Harmonie, sondern als Störung, Disruption.
Zusammen entfalten die Arbeiten von Substitute for a Sunset ein Spannungsfeld aus Licht und Schatten, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Ordnung und Bruch. Sie zeigen eine fragmentierte Gegenwart, in der Systeme weiterlaufen, und das Verdrängte immer wieder an die Oberfläche drängt – nicht als Lösung, sondern als bleibende Irritation, die den Raum strukturiert und das Versprechen der Moderne in Frage stellt.
Text: Michel Rebosura