Noch vor dem Betreten des Raumes entdeckt man die ersten Flügel. Die dekonstruierten Vögel des Gemäldes Butcher Bird (2026) begleiten in den Ausstellungsraum hinein. Daneben erhebt sich der fragile Umriss eines präparierten Schmetterlings: The First Killing of a Butterfly setzt mit dem Titel den Ton der Ausstellung.
Der Blick fällt nun zunächst auf ein Buch, Amalie Dietrich: Ein Leben. Die Auseinandersetzung mit dem schwierigen Vermächtnis der deutschen Naturforscherin des 19. Jahrhunderts bildet den Ausgangspunkt für die hier gezeigten Werke Madeleine Kellys. In den Mittelpunkt stellt sie dabei die Vögel, die Amalie Dietrich von 1863 bis 1873 in Australien „sammelte“.
Dass dieser Akt des Sammelns stets mit einem gewaltvollen Einfangen einherging, mahnt die australische Künstlerin im Gemälde Bird Trap Line (2026) an. Angeordnet auf feinen Linien lässt sie jene Wasservögel wieder auferstehen, die sich heute als Präparate in der Sammlung des Naturkundemuseums Bamberg befinden. Es entsteht eine Spannung zwischen der absolut geometrischen Ordnung und den Imperfektionen des Natürlichen, die ebenso im Werk Rainbow Lorikeet (2026) deutlich wird. Die Umrisse der Wirbelsäule des Regenbogenlori-Skeletts aus der Sammlung des Berliner Museums für Naturkunde sind präzise gemalt, wodurch die Abweichungen zu den exakten Kreisen des Rasters umso klarer hervortreten.
Eine symbolisch aufgeladene Szene entwickelt sich ebenfalls im Gemälde Lighting Treasures (2026), wo Amalie Dietrichs botanisches Erbe zu rätselhaften Zeichen wird: Acacia dietrichiana und Bonamia dietrichiana erscheinen nur schemenhaft. Sie wurden, wie alle Funde, nach europäischen Methoden klassifiziert und damit in ein koloniales Wissenssystem eingegliedert.
Auch im künstlerischen Prozess Madeleine Kellys spielt das Identifizieren der genauen Arten eine wesentliche Rolle, akribische Recherche und tiefes Verständnis ihrer Bildthemen ist Basis ihrer Werke. So etwa in der fortlaufenden Serie Grey Heron and Waterflow Kin (2026), die aus Beobachtungen während ihres einjährigen Aufenthalts in Berlin hervorging. Der Schwarm bunter Plastiken lockt tiefer in den Ausstellungsraum, lädt ein zum Nähertreten, zum ganz genau Betrachten. Aus farbigen Wachsschichten auf recycelten Getränkekartons entstehen beinahe verspielte Abbilder Berliner Wasservögel, die das urbane Nebeneinander von Natur und menschlichem Konsum sichtbar machen.
Im Raum ruft die Installation Collect, Collect! Gather (2026) den Auftrag für Amalie Dietrichs Reise nach Australien in Erinnerung. Wie mythische Totenmasken spiegeln die Monotypien diesen Prozess der Auswahl und Aneignung: die Künstlerin hat aus über fünfzig entstandenen textilen Arbeiten strikt die ästhetisch gefälligsten ausgewählt. Das Wirken der europäischen Naturwissenschaftlerin in Australien, so wird es deutlich, ist eine fortdauernde Wegnahme – zuerst die Wegnahme eines Lebens und anschließend die Wegnahme nach Europa. Die dutzende katalogisierten und präparierten Vögel, Blumen, Schmetterlinge, die Madeleine Kelly in ihren Werken extrahiert, befinden sich heute in deutschen Museen.
Madeleine Kelly tastet sich in ihren Arbeiten systematisch durch die Sammlungen und das Leben Amalie Dietrichs, als wäre die Künstlerin selbst Naturforscherin und Amalie Dietrich ihr Studienobjekt. Es könnte auch Madeleine Kelly selbst sein, die in The Naturalist’s Gaze (2026) mit Schwänen aus Licht Zwiesprache hält. Doch wo zuvor noch bewertet und klassifiziert wurde, verweigert die Künstlerin in ihren Werken jede abschließende Zuschreibung. Stattdessen ergänzen die Arbeiten durch Transformation und Neuordnung eine ästhetische Ebene von Spekulation und Ambivalenz, die das starre Vermächtnis der kolonialen Ordnung aufbricht. Eine Umkehrung, die erfolgreich das scheinbar Objektive entlarvt und endlose Möglichkeiten für Deutungen eröffnet.
Text: Philine Pahnke
Madeleine Kellys Resdiency wird gefördert vom Sydney College of the Arts (University of Sydney). Die Ausstellung wird gefördert von Create NSW.