„Wie geht es dir mit deiner historischen Forschung seit 2022, als Russland mehrere Ziele in der Ukraine militärisch angriff?“, fragt mich Iden Sungyoung Kim. Wir hatten in einem ähnlichen Zeitraum angefangen, uns mit den 1960er Jahren, den Atomtests, den internationalen Verflechtungen des Kalten Krieges und ihren brutalen Konsequenzen zu beschäftigen. Unser Interesse schien 2018 noch einer verstaubten Vergangenheit anzugehören. Ich erinnere mich, dass mit der zunehmenden Militarisierung der Gegenwart die gefühlte Distanz zur Geschichte zunehmend kollabierte – sie tut es immer noch.
Für Iden Sungyoung Kim stand die nukleare Wiederaufrüstung in Nordkorea, die 2016 mit dem Testen einer extrem potenten Wasserstoffbombe einen Sputnik-Schock der Gegenwart auslöste, am Beginn ihrer künstlerischen Recherchen zu diesem Themenkomplex. „Die internationale Presse war alarmiert“, erzählt sie in ihrer aktuellen Arbeit Lunch? I Said LAUNCH (2026). Ihre südkoreanischen Freund*innen und Familie zuckten die Schultern, wenn über die erneuten Experimente ihres „sehr seltsamen Nachbars“ berichtet wurde.
Das intime Verhältnis zur alltäglichen Gewalt und ihren sprachlichen Formen zieht sich durch Iden Sungyoung Kims Werk. Wie gehen Menschen mit dieser Gewalt außerhalb des menschlichen Maßstabs um? Welche Worte, welche Emotionen sind angemessen? In ihrer jüngsten Arbeit Lunch? I said LAUNCH (2026) nähert sich die Künstlerin dem verworrenen Geflecht aus Geschichte, Politik, Gegenwart und Popkultur aus einer humorvollen Perspektive. Im Stil einer Comedyshow verwebt sie autobiographische Erfahrungen mit erinnerungspolitischen Sequenzen. Anhand der südkoreanischen Tütensuppe mit dem Namen „Nuclear Spicy Chicken Ramen Soup“ zeigt sie, wie sich Erinnerung umformt, erweitert und unerwartete Wendungen in die Konsumkultur und die kollektive Erinnerung einschlägt.
„Ich habe ein Ei in Fukushima gegessen!“, erzählt mir Iden Sungyoung Kim in ihrem Studio und scheint dabei immer wieder fasziniert von der Gleichzeitigkeit von Normalität und Ausnahme, Geschichte und Gegenwart. Im Rahmen einer Art Werbereise nach Fukushima, an der sie teilnehmen durfte, wurde der Reisegruppe ein sorgfältig kuratiertes Bild präsentiert, in dem die imperiale Vergangenheit Japans und dessen Bündnispartnerschaft mit dem nationalsozialistischen Deutschland während des zweiten Weltkrieges nicht erwähnt wurden.
Dieser Ausflug war Ausgangspunkt für die performative Arbeit Hypocenter 1945-2025 (2025), in der eine Person mit Giftschutzanzug und Gasmaske über einem Meer von Kerzen, Flaschen und Gläsern eine Flüssigkeit verteilt. Ruhige Bewegungen vermitteln einen Eindruck von Präzision. Aber der Eindruck täuscht. Die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen maximaler Kontrolle und provoziertem, produziertem Kontrollverlust verwischen. Es sind Drinks, deren Schichten an eine Glutwelle einer Atomexplosion erinnern und deren Namen – „Manhattan“ und „B52“ – sich auf das US-Atomforschungsprojekt beziehungsweise den Langstreckenbomber Boeing B-52 beziehen, der auch im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Sie sind extrastark. Iden Sungyoung Kim inszeniert hier auf subtile Weise die verzögerten Auswirkungen von Toxinen auf den Körper. Erinnerungsprozesse und Möglichkeiten des Vergessens gehen Hand in Hand. Manchmal werden die Gefühle verstärkt, manchmal betäubt.
Im Raum bleiben ihre Spuren zurück: ein Tisch mit Gläsern, Kerzen und Flaschen sowie der Giftschutzanzug mit Gasmaske. Im Hintergrund läuft ein Video. Das Meer glitzert im Rot der untergehenden Sonne, nur ab und zu scheinen sich Wolken vor die Kamera zu schieben. Ambient Sounds kreieren eine beruhigende Atmosphäre. Aufnahmen einer Pilzwolke formieren sich auf einer zweiten Videoebene, bevor sie rasch wieder verschwinden. Ästhetisierung oder Dramatisierung? Die schon so häufig gesehene, zum Himmel steigende Pilzwolke wird nur als Bild gezeigt, aber die Beats pushen. Im Tempo der verlangsamten Pilzwolke entstehen gemischte Gefühle zwischen Erhabenheit und Grauen.
Iden Sungyoung Kims ästhetische Praktiken untersuchen die verschiedenen sprachlichen, körperlichen, kulturellen und alltäglichen Spuren atomarer Gewalt zwischen Geschichte und Gegenwart und aktualisieren diese Erinnerungen für eine Gegenwart, die sich nicht von der eigenen Abschreckungsvergangenheit abschrecken lässt.
Text: Jandra Böttger