Künstlerhaus Bethanien

Burning Stones

Esther Yi-Chun Lin

Eröffnung

10.09.2026

19 Uhr

Ausstellung

11.09.2026 –

15.11.2026

Eintritt frei

© Esther Yi-Chun Lin

Beim Betreten des Ausstellungsraums wird man sogleich mit einem großflächig an die Wand projizierten schwitzenden Bauch konfrontiert: Schweißperlen treten aus den Poren rund um den Nabel. Erst nach einer Weile bemerkt man, dass auch der eigene Körper warm wird – und dass an der Seite des Raums zwei Heizkörper laufen. Was Burning Stones: Hot Archives (2022) zeigt, überträgt sich auf den eigenen Körper. Das Schwitzen ist ein metabolisches Ereignis – eine Zirkulation von Hitze, Entspannung und Angst –, das unmittelbar mit der gegenüberliegenden Videoinstallation Burning Stones (2022) korrespondiert. Dort tasten massierende Hände das Gewebe eines Körpers ab.

Esther Yi-Chun Lins Videoarbeiten werden im Künstlerhaus Bethanien erstmals direkt einander gegenübergestellt. Gemeinsam bilden sie eine Schwitzkammer, in der der menschliche Körper zum Objekt einer forensischen Untersuchung der Identität und der Geschichte Taiwans wird. Sie stecken ein Territorium ab, in das sich Geografie, Erinnerung und Historie tief eingeschrieben haben – Spuren, die durch Schwitzen sinnbildlich wie physisch erfahrbar werden.

Wie lässt sich Geschichte fühlen? Wie schreiben sich Landschaft, Erinnerung und Zugehörigkeit in einen Körper ein? Von diesen Fragen geht Esther Yi-Chun Lins Arbeit aus. Der Körpergeruch wird zur Metapher für Geschichte: „I think the odor of the body is like a metaphor for history.“

Der Titel Burning Stones verweist auf die Etymologie des englischen Wortes für Schwefel, brimstone, das sich aus dem altenglischen bryne (Brennen, Feuer) und stān (Stein) ableitet. Dieser brennende Stein findet in Burning Stones: Hot Archives seine körperliche Entsprechung im Schweiß. Unter Hitze zersetzen ihn Bakterien und setzen schwefelhaltige Verbindungen frei – den Körpergeruch. Lin setzt diesen schwitzenden Körper mit einer Schwefelmine gleich. Der verdampfende Schweiß erfüllt die Luft im Raum – so wie die vulkanischen Schwefelquellen im taiwanesischen Beitou die Umgebung mit Dampf überziehen.

Vom schwitzenden Bauch einer Frau, die sich um ihren Geruch sorgt, tauchen historische Szenen als Fragmente auf. Es ist koloniales Archivmaterial, das Lin im Internet aufgespürt hat, wo es frei zirkuliert. Aus den Historienbildern schneidet sie die Darstellungen indigener Gemeinschaften Taiwans heraus – „Biopsie“ nennt sie einen dieser Eingriffe. Dazwischen stehen Aufnahmen der Datun-Vulkangruppe und Messdaten zur Schwefelkonzentration der Luft während der Pandemie, in denen ein erhöhter Wert bedeutet, dass organisches Material verbrannt wird – auch menschliches. Was so entsteht, sind für Esther Yi-Chun Lin keine Bilder mehr, sondern Kristalle, die durch einen Körper hindurchgegangen sind: ausgeatmet, verformt, mit Ablagerungen an der Oberfläche. Aus dem von der Künstlerin bearbeiteten Bildmaterial wird ein Gegenarchiv – eine wiederkehrende Praxis, die sie in dieser Ausstellung weiterführt.

Auf der gegenüberliegenden Bildfläche, Burning Stones (2022), werden die historischen Pfade in Beitou von tastenden Händen auf die Haut übertragen. Esther Yi-Chun Lin lud dafür den Performer Ho Zhong-Jun ein, gemeinsam einen Pfad der Schwefelminen abzugehen; daraus entstand eine Performance in Form einer Massage. Das Video zeigt keine Landschaft, keinen Wald, nur massierende Hände. Erzählt wird dennoch: vom Körper aus über Landschaft, Karte und Kolonie bis zur Verwandlung des Schwefels. Die Wege zu den Flüssen und Bergen, wo die Schwefelminen lagen und indigene Arbeiter*innen ihren Lohn verdienten, werden über die Druckpunkte der Massage spürbar.

Die koloniale Karte löst sich auf; an ihre Stelle treten ein Baum, ein großer Stein, das Geräusch fließenden Wassers – und die Haut selbst. Es ist jene Landschaft, in der sich die Zugriffe Spaniens, der Niederlande und der Qing überlagert haben, ein Raum, in dem die Spuren indigener Gemeinschaften und lokaler Erdgötter allmählich verschwinden. Die Arbeit vollzieht eine Perspektivumkehr: „Wie sieht man einen Berg aus der Perspektive des Bergs? Eine Hand aus der Perspektive der Hand?“ Orientierung gibt nicht die Vermessung, sondern das somatische Gedächtnis: „der schwache Geruch fauler Eier, die erinnerte Stelle am Körper und ein wenig Glück“.

Die Massage kommt zu Ende: „Bitte denken Sie beim Verlassen an Ihre persönlichen Gegenstände. Danke für Ihre Teilnahme.“ Ein Reset, wie nach einer Behandlung – und zugleich der Beginn einer erneuten Suche nach Identität. Jede*r nimmt mit, was ihm/ihr gehört; alles andere bleibt zurück. Der Geruch bleibt, wo er war – bei den Geistern, den Gött*innen, den Körpern, die sich in die Landschaft eingeschrieben haben. Für Esther Yi-Chun Lin ist dieser Geruch eine Form, Geschichte zu erzählen: Sie wird eingeatmet, ertastet und am eigenen Körper erfahren – wie die Zirkulation einer Geschichte, die über Generationen hinweg wiederentdeckt wird.

Text: Keumhwa Kim

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