In ihrer Einzelausstellung The Flag Bearers schöpft Rachel Monosov aus dem surrealistischen Bildvokabulars Edgar Endes (1901–1965). Der Titel der Ausstellung verweist auf Edgar Endes Gemälde Die Fahnenträger (1931), eines von drei Werken, die Monosov in die Gegenwart überführt und deren symbolische Gehalte in skulpturalen Arbeiten und einer Performance neu auslotet. Die Künstlerin betrachtet den Surrealismus als Reaktion auf die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs – eine Bewegung, die sich von Logik und linearen Sichtweisen der Realität abwandte. Indem die Surrealist*innen sich den Träumen und dem Unterbewusstsein zuwandten, schufen sie sowohl einen Zufluchtsort als auch eine Möglichkeit, sich mit Verlust, Trauma und menschlicher Zerbrechlichkeit auseinanderzusetzen. Aus dieser Perspektive heraus reflektiert die Künstlerin Geschichte in ihren wiederkehrenden Zyklen und fragt zugleich danach, wie diese sich in der Gegenwart fortschreiben. Dabei untersucht sie die emotionalen Kräfte, die dem zunehmenden Nationalismus zu-grunde liegen, und das Spannungsverhältnis zwischen Körpern und Ideologie.
Die historische Distanz zwischen den beiden Künstler*innen ist dabei von zentraler Bedeutung. Edgar Ende erlebte eine Zeit, in der nationale Symbole zu Instrumenten der Massenmobilisierung wurden. Er erfuhr Zerstörung als Folge des Nationalismus, während Rachel Monosov in einer Gegenwart zunehmender Konflikte arbeitet, in der Fragen geopolitischer Macht und territorialer Ansprüche erneut an Dringlichkeit gewinnen.
Die skulpturalen Arbeiten erzeugen eine Atmosphäre des Unheimlichen. Zwei ungewöhnlich lange Bänke scheinen sich zwischen dem Hier und einem Anderswo zu erstrecken. Lange Haarsträhnen liegen auf ihrer Oberfläche, Spuren ausgelöschter menschlicher Präsenz. Prothesen in Form von Vogelbeinen haben Teile ihrer ursprünglichen Struktur ersetzt. Daneben hängt eine Jacke an einem Metallgestell, als würde sie darauf warten, getragen zu werden. Sie ist auf dem Rücken mit dem Motiv einer Zielscheibe bestickt. Auf der anderen Seite des Raums ist eine Metallkugel platziert. Um sie herum eine Reihe von Flaggen. Weiß. Nicht an ein bestimmtes Land gebunden. Ihre Größe steht in keinem Verhältnis zu der der Kugel.
An der Wand bildet eine Reihe von Gedichten, von der Künstlerin verfasst, den roter Faden der Ausstellung. Unter dem Titel Scores for Dancing without a Body sind sie als choreografische Anweisungen für die Performer*innen gedacht. Das Herzstück der Ausstellung bildet eine Performancearbeit. In regelmäßigen Abständen aktivieren Rachell Bo Clark, Cami Brogaard und Victor Dumont die skulpturalen Elemente. Sie öffnen die Tür zu einem Universum der „Spiegel im Spiegel“ und führen die Besucher*innen in eine traumähnliche Wirklichkeit. Symbolik, Übertreibung, die Spannung zwischen Objekten und Körpern sowie freie Assoziationen verdichten sich darin zu einer surrealistischen Raumwahrnehmung und werden zur Metapher des kollektiven Unbewussten. Es gibt keine Hierarchie, keinen Anfang und kein Ende. Räume und Geschichten gehen ineinander über und entziehen sich eindeutigen Lesarten. Alles existiert gleichzeitig und lässt sich nur anhand der eigenen Bezugspunkte und gelebten Erfahrungen interpretieren.
Mit The Flag Bearers nähert sich die Künstlerin der Gegenwart als einer historischen Bedingung, die Spuren nicht nur in Nationen und Körpern, sondern auch im Unbewussten hinterlässt. Unter unseren individuellen Erfahrungen liegt ein uns gemeinsames Terrain aus Bildern, die uns verfolgen, Schuld, die wir verdrängen, und der unbequemen Frage, was wir hätten anders machen können oder vielleicht noch anders machen können. Anstatt Identitäten festzuschreiben, setzt die Ausstellung den Körper konkurrierenden Symbolen, Zuschreibungen und Projektionen aus. Die Performer*innen arbeiten sich an den weißen, von jeglichem nationalen Emblem befreiten Fahnen ab, verschieben und destabilisieren deren Bedeutung immer wieder durch ihre Bewegungen. Vor dem Hintergrund einer fragmentierten politischen Landschaft gewinnt der Begriff der Sicherheit eine eigentümliche Ambivalenz. Er bezeichnet weniger einen erreichten Zustand als vielmehr eine fragile Setzung, die sich in Bewegung, Wiederholung und im kollektiven Körper immer wieder aufs Neue bewähren muss.
The Flag Bearers, kuratiert von Jorgina Stamogianni, ist das siebte Kapitel in der Reihe Becoming B. Die von Antje Weitzel als Künstlerischer Leiterin initiierte Reihe bringt in Berlin arbeitende Künstler*innen und Kurator*innen in immer neuen Konstellationen zusammen. Dabei entstehen neue Bezüge, Begegnungen und Beziehungen zwischen bestehenden künstlerischen Praxen.
Jorgina Stamogianni und Rachel Monosov führen in diesem Kapitel eine Zusammenarbeit fort, die sich über die vergangenen Jahre aus ihrem gemeinsamen Interesse am Körper als einem Ort entwickelt hat, an dem sich Machtstrukturen und Formen des Widerstands einschreiben.
Text: Jorgina Stamogianni