Ciwas Tahos (sie/they), auch bekannt als Anchi Lin (林安琪), arbeitet mit einer stillen Beharrlichkeit. Ciwas schafft körperbezogene Arbeiten, queere Performances, Bewegtbildarbeiten, Werke im Cyberspace, Keramiken, kinetische Skulpturen sowie feldforschungsbasierte Projekte.
In ihrer forschungsgeleiteten Praxis verbindet Ciwas mündliche Überlieferungen der Atayal und Feldforschung mit Ältesten mit Archivarbeit und verkörperten Methoden – geleitet von einer queeren, nichtbinären Perspektive. Seit 2020 arbeitet Ciwas an ihrem fortlaufenden Projekt Finding Pathways to Temahahoi. Temahahoi ist ein Ort in den Bergen, an dem Frauen und geschlechtlich diverse Menschen leben, die sich von Dampf ernähren, durch den Wind empfangen und von Bienen beschützt werden. Diese Erzählung wurde zum Ausgangspunkt für Ciwas‘ künstlerische Praxis: Sie entwickelte keramische Klangskulpturen mit mehreren Mundstücken, um Atem kollektiv zu teilen und Temahahoi durch gemeinschaftliche Performances anzurufen. Diese Live-Performances mit einer oder mehreren Okarinas (Gefäßflöten) werden in experimentellen Filmen, in Fotografien, im Cyberspace und in Klangpartituren weitergeführt, die sich über meterlange Leinwände erstrecken oder temporär auf Glasscheiben gezeichnet werden. Ciwas entwirft nicht einen queeren Raum, der erst geschaffen werden muss, sondern zeichnet vielmehr einen Weg zu einem Ort nach, der immer schon existiert hat – getragen von einer nichtbinären Praxis, die weit über Fragen der Geschlechtsidentität hinausreicht.
Ihr Körper erscheint als ein Ort unter Druck: Er verhandelt indigene Kosmologien im Spannungsfeld von Siedlergeschichten und kolonialen Machtstrukturen und hält die Reibung zwischen überliefertem Wissen und jenen Systemen aus, die immer wieder versucht haben, dieses Wissen auszulöschen oder zu überschreiben. In Raw ⇆ Ripened ⇆ Happiness wird dieser Druck unmittelbar erfahrbar. Ciwas nutzt den Akt des Abstempelns ihres Körpers – und ihren Körper selbst als Stempel –, um die durch die Kolonisierung verursachte Entwurzelung von Herkunftslinien und Zugehörigkeit zu untersuchen. Kinetische Maschinen stempeln ihren Körper mit roter Tinte, während per Laser geschnittene Mikroaggressionen zu Abdrücken auf Papier werden, wenn Ciwas ihren Körper mit roter Tinte verschmiert und selbst zum Stempel wird. Die Verbindung zum Körper, insbesondere zum Bauch, zieht sich als wiederkehrendes Motiv durch Installationen, die Räume für Performances und Videoarbeiten schaffen. Verkörperte Formen von Wissenstransfer fließen unmittelbar in Ciwas‘ Arbeit ein: Handlungen wie Kehren, Gurgeln, Nachzeichnen, Achtsamkeit und bisweilen auch Verhüllen kehren immer wieder, während Ciwas ihre Arbeiten fortlaufend überarbeitet und weiterentwickelt.