Reed Stills Ausstellung legt die Arbeit offen, die nötig ist, um das eigene Leben aufrechtzuerhalten, und macht sie zum Ausgangspunkt einer Komödie der Klassenverhältnisse: Wer über kein Eigentum verfügt, bleibt gefangen in einem endlosen Kreislauf von Übergangslösungen.
In einem Durchgangsraum im Erdgeschoss hängt ein professionell gerahmtes Dokument an der Wand: The Sublet zeigt einen befristeten Untermietsvertrag, den viele Berliner*innen nur allzu gut kennen dürften. Seit den 2010er-Jahren hat sich die Wohnungskrise in der Hauptstadt massiv verschärft. Berlin als Ort des bezahlbaren, kreativen Zusammenlebens und Arbeitens für internationale Künstler*innen erscheint heute mehr als anachronistisch. Vielmehr wird um jeden Zentimeter Raum gekämpft. Zwar entstehen neue Formen des Teilens, in dem auch der eigene Wohnraum temporär an Fremde abgetreten wird – jedoch handelt es sich dabei keineswegs um altruistische oder gar emanzipatorische Gesten, sondern um Strategien des Überlebens; oder die Möglichkeit, jede noch so kurze Abwesenheit zu monetarisieren. In diesem Zusammenhang ist The Sublet nicht nur metaphorisch mit der prekären Zeitlichkeit von (künstlerischer) Arbeit verbunden, sondern dessen tatsächliche materielle Bedingung: Reed Still mietet den Raum, auf den das Dokument verweist, selbst an. Doch ist das aufgewendete Produktionsbudget aufgebraucht, hört das Werk auf zu existieren. Die Suche, im Kampf gegen eine kaum überschaubare Masse an Mitbewerber*innen, beginnt von Neuem.
Gegenüber von The Sublet steht The Barrel, ein 80-Zentimeter hohes Stahlfass, in das Löcher gebohrt wurden. Die Materialität des Objekts kann als doppelter Signifikant verstanden werden: Die abgeklärte Ästhetik des Minimalismus wird ebenso evoziert wie die einer Feuertonne, ein allzu realistisch gewordenes Klischee von Obdachlosigkeit und der Sehnsucht nach Wärme. Der Rand des Fasses ist mit Wacholderholzöl benetzt, was beim näheren Herantreten den Geruch von Lagerfeuer verströmt. Auch hier wird die Idee von Kollektivität nur als Überlebensform erfahrbar, produziert durch jene Prekarität, die ein autonomes Leben zunehmend unmöglich macht. Das gemeinsame Wärmen des Körpers und die Beziehungen, die dabei entstehen, finden ein jähes Ende, sobald das Feuer erlischt oder die Menschen gewaltsam vertrieben werden. Der kurze Moment der Erleichterung durch die Wärme ist untrennbar mit der Erfahrung von oder Angst vor der Kälte verbunden.
Das dritte Werk, The Grave, ist in einem kleinen Nebenraum installiert und antizipiert gewissermaßen seine Grabesruhe. Es besteht aus einem gerahmten Mietvertrag für eine Grabstelle auf einem Friedhof in Ostberlin, den Reed Still 2026 für die nächsten 20 Jahre abgeschlossen hat. Bei der ausgewählten Periode handelt es sich, ebenso wie beim Untermietsvertrag, um den zeitlichen Standard jener Anmietungen. In dieser Konstellation erscheinen Leben und Tod nicht als natürliche Prozesse, denen mit metaphysischen Fragen von Sinn und Zweck begegnet wird. Stattdessen wird die vermeintlich individuelle Erfahrung des Todes als vertragliche Organisation sichtbar, die den temporären Zugang zu Raum regelt. Die ökonomische Logik des Alltags manifestiert sich im Konzept der Anmietung: Die meisten Menschen besitzen nicht mehr, sondern leihen, streamen, mieten sich ihren Weg durch das Leben und nehmen an jeder Ecke einen neuen, kurzfristigen Kredit auf. The Grave verlängert diese Logik über das Leben selbst hinaus. Selbst der Ort der ewigen Ruhe wird nicht besessen, sondern nur angemietet. Der Tod ist nur ein weiterer, befristeter Deal – eine vertraglich abgesicherte Vorhölle in perfektem Beamtendeutsch.
Comedy, so Reed Stills These, entsteht an der Grenze der Ökonomien von Leben und Tod und materialisiert sich, wie die Ausstellung zeigt, ebenso in bürokratischer Sprache wie in der Ästhetik von Objekten. Wenn jeder Aspekt des Lebens bereits finanzialisiert wurde und die Trennung von Lebensnotwendigem und Verwertbaren schon längst ist aufgehoben ist, liegt die emanzipatorische künstlerische Praxis mit dieser Realität umzugehen gerade darin, diese Absurdität in all ihrer Härte zu konfrontieren.
Text: Emily Nill